Intro

Wie immer bei Aufnahmen gibt es keine oder besser sehr wenige Regeln die eingehalten werden müssen. Learn the rules like a pro and break them like an artist.
Wenns zum Song passt, kann ein Schlagzeug in einem dröhnenden Raum mit nur einem Mikrofon aufgenommen werden.
DrumsToi

Hier aber das „klassische“ Verfahren.
Die Aufnahmen eines Schlagzeuges gehören nebst Flügel oder ganze Orchester zu den Königsklassen der Mikrofonierung.
Das hat damit zu tun, dass das Schlagzeug zwar als Ganzes ein einzelnes Instrument ist, aber etliche Mikrofone miteinenander eine Einheit bilden sollen. Heisst, dass es etliche Möglichkeiten gibt, etwas falsch zu machen.
Zur Mikrofonauswahl möchte ich jetzt nichts schreiben, da jeder seine eigenen Präferenzen hat. Fact ist, dass wer viel experimentiert und übt, Schlagzeuge aufzunehmen, auch ohne HighEnd Mikrofone zu einem wirklich guten Ergebnis kommen kann.
Wichtiges im Voraus:
Ein Schlagzeug sollte vor den Aufnahmen gestimmt werden, wie jedes andere Instrument auch. Jeder gute Drummer kann das. Es ist auch nicht schlecht, wenn man das als Tonmann/frau auch kann.
Becken sollten sauber sein. Eine Schicht Patina auf den Becken dämmt die Brillanz enorm. Ebenso Risse in den Becken. Felle sollten relativ neu sein.
Was immer verloren geht bei alten oder unsauberen Fellen oder Becken sind die Obertöne welche für die Klarheit, Brillanz und Durchsetzungskraft des Sounds verantwortlich sind.
Schlagzeuge können natürlich auf verschiedene Arten aufgenommen werden.
Von einem einzelnen Mikrofon im Raum bis hin zur hochkomplexen Multimikrofonierung wo jede Trommel mit Mikrofonen an Schlag- und Resonanzfell inklusive Becken einzeln und diversen Stereo Mikrofonierungen.
Wenn es eine Regel gibt, die einem zumindest das Leben vereinfacht, ist das die 3:1 Regel.
Diese besagt, dass Mikrofone mindestens den dreifachen Abstand der Distanz von Mikrofon zu Klangquelle haben müssen.

3zu1Beispiel: Ist ein Mikrofon eines Toms 10cm weit von dessen Schlagfell platziert, muss das Mikrofon des zweiten Toms einen Abstand von mindestens 30cm aufweisen. Diese Regel wird idealerweise unter allen verwendeten Mikrofonen eingehalten. Diese Regel ist dazu da das aufgenommene Signal mit möglichst wenigen Überspechungen und daraus resultierenden Phasenschweinereien zu bekommen.

Der Raum

Der Raum in welchem das Schlagzeug aufgenommen werden soll, ist im Idealfall akustisch optimiert. Dies kann gerade bei einer Schlagzeugaufnahme vieles heissen. Die einen stellen ein Schlagzeug in eine Halle von 20x30x15m und haben so sicher keine Probleme mit unerwünschten Reflektionen. Andere Recording Engineers stellen das Drum in einem komplett trockenen Raum auf. Es gibt sogar Recording Engineers die ein Swimming Pool in ein Drum Recording Raum umfunktioniert haben um durch kurze Reflektionen, ein Schlagzeug richtig krachen zu lassen.

Snare- Schlagfell

Das wichtigste Instrument, die Snare, wird von oben (Schlagfell) und von unten (Resonanzfell, Snareteppich) abgenommen.
Grundsätzlich kann mit jeder Art von Mikrofon ausprobiert werden, sofern dieses den Sound pressure level, welches eine Snare produzieren kann, aushält.
Das Mik für das Schlagfell findet meistens zwischen Hightom und Hi-Hat Platz. Der Winkel des Miks sollte ca. zwischen 30° – 45° zum Schlagfell sein. Zeigt die verlängerte Achse des Miks zur Mitte des Schlagfells, entsteht ein Snaresound mit mehr Bauch und Punch. Zeigt die verlängerte Achse des Miks eher zum Rand der Snare, entsteht ein dünnerer Sound. Je flacher das Mik zum Schlagfell steht, desto weniger Punch und dafür mehr Snareteppich nimmt es mit auf.
Zusätzlich sollte darauf geachtet werden, dass das Mikrofon den Drummer nicht behindert und das von den anderen Instrumenten, vor allem Hi-Hat, Toms und Bassdrum, nicht zu viele Übersprecher ins Mikrofon gelangen.
Verschiedene Effekte können erzeugt werden. Deckt die Snare mal mit einem Küchentuch ab oder legt ein Becken auf das Schlagfell oder eine Kette aufs Schlagfell oder oder oder. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.
Um das Mik zusätzlich gegen Übersprechungen zu schützen, kann ein kleines, rundes Stück Schaumstoff zur Hälfte eingeschnitten,

Mic-Foamüber das Mik (hinter der Kapsel!) gestülpt werden.

Snare-Resonanzfell-Snareteppich

Um den Sound des Snareteppichs aufzunehmen bedient man sich am besten mit einem gerichteten Kleinmembran aber auch dynamische Mikrofone tun ihren Dienst, welches möglichst von der Bassdrum und der Hi-Hat weg zeigt.
Die Abstände der Schlagfell- und Resonanzfellmikrofone sollten den exakt gleichen Abstand zum jeweiligen Fell haben.
Das Resonanzmikrofon muss meistens in der Phase gedreht werden.
SnarePhase1
Eine weitere Möglichkeit ist es ein Kleinmembran Mikrofon am Lüftungsloch der Snare in ca. 5cm Abstand zu platzieren und dieses mit einem Lowcut Filter ausrüsten. Eignet sich nicht für jede Snare aber ich habe schon gute Ergebnisse damit erzielt.

Hi-Hat

Da die Hi-Hat sehr Obertonreich ist, nimmt man am besten ein gerichtetes Kleinmembran Mikrofon. Das Mikrofon zeigt am besten von der Snare weg, um möglichst wenig Übersprecher von dieser zu haben. Das Mikro soll nicht zu nah an der Hi-Hat positioniert sein um ungewünschte Nahbesprechungseffekte zu vermeiden. Ist das Mik jedoch zu weit von der Hi-Hat entfernt hat man zu viele ungewünschte Übersprecher auf diesem Mik. Die ideale Distanz muss man deshalb durch Probieren herausfinden.
Zeigt das Mik zur Kuppel der Hi-Hat erhält man einen zu glockigen Klang. Nicht gut beraten ist man wenn man das Mik vor die Öffnung der Hi-Hat stellt. Dies hätte „Atemgeräusche“ der Hi-Hat zur Folge welche sich als tieffrequente Popps bemerkbar machen.

Bassdrum, Kick

Die Bassdrum besteht im Wesentlichen aus drei verschiedenen Klangcharakteristiken.
– Kick, Anschlag
– Bauch, Wumms
– Subbass

Kick

Um eine klare Definition der Bassdrum im Mix zu erhalten, ist eine gute Definition des Anschlags nötig. Bei Rock oder gar Metal wird genau dieser Sound meistens in den Vordergrund gestellt.
Für einen ausgeprägten Kick, kann man ein Zweifrankenstück am Ort des Klöppelaufschlags mit einem Klebeband hin kleben. -> Experimentieren 🙂Kick-MicPos2

Dieser Sound entsteht am Schlagfell, hat für eine Bassdrum eher hohe Frequenzanteile und ist sehr Transientenreich.
Die Mikrofonierung kann im Inneren der Bassdrum (Pos. 1), nahe dem Schlagfell gemacht werden. Es funktionier aber auch den Kick von aussen (Pos. 4)  auf Seite des Pedals aufzunehmen.

Micing Kick

Bauch, Wumms

Um den ganzen Klangcharakter der Kickdrum abzubilden, kann man ein Mikrofon am Schallloch oder Kickport (Pos. 2) aufstellen. Dieses Mikrofon darf auch ein Stück in die Bassdrum hineinragen oder ein bisschen ausserhalb sein. Oder man stellt das Mikrofon ca. 30cm von der Bassdrum weg (Pos. 3). Die ideale Position findet man, indem der Schlagzeuger die Kick spielt und ein Assistent das Mikrofon verschiebt, bis der Sound in der Regie stimmt. Hat man keinen Assistenten, kann man sich eines Kopfhörers bedienen.
Wichtig dabei ist auch die Phasenlage der Mikrofone Pos. 1 oder Pos. 4 zum Mikrofon Pos. 2 oder Pos.3. Durch verschieben hört man gut, ob die Bassdrum Druck hat oder nicht.
Verwendet werden häufig spezielle Bassdrum-Miks wie das Shure Beta 52A oder das AKG D112. Ich habe aber auch schon mit Kleinmembran Kondenser mit Kugelcharakteristik saugeile Resultate erzielt.
Ausserhalb der Bassdrum eignen sich Grossmembran Mikrofone gut.

Subbass

Möchte man einen tiefen voluminösen Sound der Bassdrum erzielen, kann man sich eines Subkick-Mikrofons bedienen. Diese Mikrofone bilden Höhenanteile der Bassdrum schlecht ab, aber nehmen dafür alle tieffrequenten Anteile auf.
Solche Mikrofone gibts im Handel oder man baut sich selbst eins. (siehe hier)

Um die Bassdrum Mikrofonierung gegen Einstreuung der anderen Komponenten wie Snare, Toms oder Becken zu schützen, kann man die Mikrofone mit einem schweren Vorhang oder Schaumstoff abdecken. Die gewählte Abdeckung sollte die Mikrofone nicht berühren.
Nachteil dabei ist, dass bei einer eventuellen Ambi-Mikrofonierung die Bassdrum auch abgedämpft wird. Aber vielleicht will man das auch.

Toms und Standtom(s)

Wichtig für einen guten Sound der Toms und Standtoms ist, dass diese gut gestimmt sind.
Eventuell muss man sie bedämpfen mit Gelpads, Gaffa, aufgeklebten Nastücher oder ähnlichem. Jedoch geht nichts über eine schön gestimmte unbedämpfte Trommel, die nicht wummert oder sonstige Geräusche von sich gibt. Bedämpfungen rauben immer auch einen Anteil der Obertöne, welche zu einem guten Sound der Toms gehören. Die Mikrofonierung ist im Wesentlichen dieselbe wie bei der Snare (Schlagfell). Auch die Auswahl der Mikrofone hat viel mit Gusto zu tun. Die gängigsten Modelle sind SM57, MD441, MD421. Ich selbst nehme gerne Kleinmembran-Kondenser (mit Padschalter) aufgrund der sauberen Transienten Abbildung.
Auch Toms und Standtoms kann man am Schlagfell und am Resonanzfell mit zwei Mikrofonen abnehmen. Jedoch muss man sich sehr Mühe geben, damit keine zu grossen Übersprecher oder Phasenschweinereien das Resultat sind. Weniger ist oft mehr.
Tipp: Für Standtoms spezielle Bassdrum-Miks wie z.B. Shure Beta 52A, AKG D112 etc. nehmen.

 Overheads

Overhead Mikrofone sind dazu da, um eine Gesamtaufnahme des Schlagzeuges zu machen. Es handelt sich also in der Regel um ein Stereofonie-Verfahren.
Hier eignen sich vor allem Kleinmembran-Kondenser Nieren Mikrofone wie das Microtech Gefell M300, StudioProjects C4 (Geheimtipp) oder das KM85. Aber auch Grossmembran-Kondenser eignen sich bestens. Je nach Gusto und was man für einen Sound sucht.
Da ausser bei z.B frühen Aufnahmen der Beatles das Schlagzeug, vor allem aber Kick und Snare in der Mitte des Panoramas sein sollen, muss man sich gut achten, dass dem bei der Aufnahme auch so ist. Um dies zu erreichten misst man mittels einer Schnur die Distanz zwischen Snare und dem jeweiligen Mikrofon, heisst das Linke und das Rechte Mikrofon sollte die gleiche Distanz zur Snare aufweisen.
Die Mittenachse eines Schlagzeuges verläuft in etwa so:

Mittenachse

Ist eine Snare erst mal aus der Mitte, kriegt man sie im Mix nicht mehr dorthin ohne qualitative Abstriche zu machen.

Auch über die Höhe der Overheads sollte man sich Gedanken machen. Je höher man die Miks aufstellt, desto homogener wird der Gesamtsound des Schlagzeugs. Das will man aber unter Umständen gar nicht, sondern möchte mehr Becken auf den Overheads haben.
Anfangen mit Ausprobieren kann man bei ca. 1.5m – 1.8m
Als Stereofonie-Verfahren wird bei Overheads sehr häufig das A-B Verfahren verwendet.
GrossAB

Das A-B Verfahren hat eine gute Tiefenstaffelung, was wichtig ist, wenn der Raum in dem aufgenommen wird, wichtig für  das Klangbild des ganzen Schlagzeugs sein soll.

 

Ein weiteres häufig verwendetes Stereofonie Verfahren heisst X-Y.

X-Y

Grundsätzlich kann mit allen Stereofonie-Verfahren wie ORTF, NOS oder gar M/S experimentiert werden. Gut ist was gefällt.
Auch Monoaufnahmen von Overheads haben ihre Daseinsberechtigung und wurden auch bei Welthits eingesetzt. Siehe z.B Lenny Kravitz.

Ambiente

Um auch den Raum in einer Schlagzeugaufnahme einzufangen, empfiehlt es sich, eine weitere Stereo-Mikrofonierung zu machen.
In einem Abstand von ca. 2m – 5m stellt man dazu Mikrofone in A-B Aufstellung hin.
Dies können Kleinmembran Kondenser sein, aber auch Grenzflächen-Mikrofone eignen sich bestens.
Diese sollten so ausgerichtet sein, dass die Snare und die Bassdrum in der Mitte liegen.
Mit solch einer Ambi-Mikrofonierung braucht es häufig im Mix keinen Hall mehr.
Was je nach Musikstil ebenfalls gut klingt, ist wenn man diese Ambi-Miks extrem komprimiert, so dass sie artig bis massiv „pumpen“ und diese dem Drummix hinzumischt.

Fazit

Für mich das wichtigste ist, schon vor der Aufnahme eine Vision zu haben, wie das Schlagzeug am Ende klingen soll. Und sich dazu das Know-How erarbeiten, um an dieses Ziel zu gelangen. Probieren probieren, probieren…

Dieser Recording-Tipp ist alles andere als Abschliessend und soll es auch nicht sein.
Deshalb bin ich froh um Kritik, Anregungen, eigene Erfahrungen und Tipps.
Bitte benützt dazu das Formular gleich im Anschluss.